Umschlag

Sprache fördern mit Dialogischem Lesen

Für eine erfolgreiche Bildungslaufbahn sind sprachliche Fähigkeiten unabdingbar. Und zwar von Anfang an: Kinder, welche mit sprachlichen Defiziten in den Kindergarten eintreten, sind nur selten in der Lage, diesen Rückstand im Laufe ihrer Schulkarriere aufzuholen. Die Förderung der sprachlichen Fähigkeiten noch vor dem Eintritt in den Kindergarten ist eine geeignete Massnahme zur Erhöhung der Chancengleichheit dieser Kinder. Das Dialogische Lesen ist in diesem Zusammenhang besonders erfolgsversprechend, weil es einerseits sehr sprachfördernd ist: das Kind ist aktiv (sprachlich) beteiligt und die erwachsene Person unterstützt das Kind durch verschiedene sprachförderliche Verhaltensweisen (z. B. gezielte Fragen stellen, Aussagen der Kinder aufgreifen, ergänzen und erweitern, indirekte Korrekturen von fehlerhaften Äusserungen etc.) dabei, seine sprachlichen Fähigkeiten weiterzuentwickeln und auf eine höhere Ebene zu bringen. Andererseits ermöglicht das Dialogische Lesen den Kindern erste Erfahrungen mit Büchern, Geschichten und Schrift, welche den Grundstein für den späteren Lese- und Schriftspracherwerb legen.

DiaLes Letter 0027

Alle Kinder können vom Dialogischen Lesen profitieren. Es bietet sich aber besonders für Kinder an, die in einem sprachlich wenig anregenden Umfeld aufwachsen und/oder in ihren Familien keine oder wenig Erfahrungen mit Schrift, Geschichten und Büchern machen können. Dies kann dazu führen, dass diese Kinder geringere sprachliche Fähigkeiten haben als Kinder, welche auf einen reichen Erfahrungsschatz mit Büchern und Geschichten zurückgreifen können. Davon betroffen sind vor allem Kinder aus bildungsfernen Familien und Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund. Das Dialogische Lesen kann fehlende präliterale Erfahrungen kompensieren sowie die sprachlichen Fähigkeiten der betroffenen Kinder verbessern und ihnen somit einen besseren Einstieg in ihre Bildungslaufbahn ermöglichen.

Sprachförderliche Verhaltensweisen

Whitehurst und sein Team (1988) formulieren eine Reihe von Strategien für Eltern und pädagogische Fachkräfte. Im Wesentlichen geht es dabei darum, das Kind zum eigenen Sprechen zu animieren sowie Äusserungen der Kinder aufzugreifen, umzuformulieren und zu ergänzen. Mit der Zeit stellt die erwachsene Person schwierigere Fragen und ermutigt das Kind zu immer anspruchsvolleren Äusserungen. Es entwickelt sich ein Gespräch, in dem die Beteiligten die Geschichte in eigenen Worten erzählen, weiterführen und Erlebnisse austauschen. So wird das Kind auf eine höhere Stufe der sprachlichen Entwicklung geführt. Wichtig ist jedoch, dass die Strategien auf konstruktive Art eingesetzt werden. Keinesfalls dürfen sich die Kinder ausgehorcht oder getestet fühlen. Das Dialogische Lesen soll für die Kinder eine positive Erfahrung sein und der Spass im Vordergrund stehen.

Im folgenden Dialog wird exemplarisch aufgezeigt, wie Kinder zum Sprechen angeregt werden können und wie auf Äusserungen der Kinder reagiert werden kann. Weitere Sprachförderstrategien finden sich im Leitfaden Dialogisches Lesen (downloadbar unter Materialien).

Die pädagogische Fachkraft setzt sich mit zwei Kindern (E., 4;5 / M., 4;6) auf das Sofa und legt das Buch «Gute Nacht, Gorilla» von Peggy Rathmann vor sich hin. M. kennt das Buch bereits, E. noch nicht. Die Kinder sitzen rechts und links von der Fachkraft. E. schlägt das Buch auf.

Fachkraft: «Oh! Guckt mal!
E.: «Affe»
Fachkraft: «Ja, genau, E., das ist ein Gorilla. Was macht denn der Gorilla?»
M.: «Der hat dem Zoodirektor den Schlüssel geklaut»
Fachkraft: «Der Gorilla hat dem Zoowärter die Schlüssel gestohlen. Was macht der Gorilla mit den Schlüsseln, was denkt ihr?»

Die Fachkraft stellt offene Fragen («Was macht denn der Gorilla?», «Was macht der Gorilla mit den Schlüsseln?»), auf die die Kinder nicht mit ja/nein bzw. einzelnen Wörtern antworten können. Offene Fragen regen die Kinder zu längeren sprachlichen Äusserungen an und bringen den Dialog in Gang. Sie unterstützen die Kinder dabei, sich auf die Details der Geschichte zu konzentrieren und die Geschichte mit eigenen Worten zu erzählen. Damit werden die Erzählkompetenzen der Kinder und der Aufbau von grammatischen Strukturen gefördert.

Eine weitere Möglichkeit, die den Kindern die Möglichkeit zur freien Äusserungen gibt, sind Impulse. Impulse sind unspezifisch und geben den Kindern wegen der fehlenden direkten Anrede noch mehr Freiraum als Fragen. Schon das Umblättern der Seite ist ein Impuls, der allenfalls Fragen überflüssig machen kann. Deshalb ist es wichtig, bei jeder neu aufgeschlagenen Seite den Kindern genügend Zeit zu lassen, damit sie die Bilder aufnehmen und darauf reagieren können. Weitere Impulse sind Bemerkungen zum Bild (z. B. «Der Gorilla schliesst den Käfig auf»), Mimik (erstaunt/erschrocken/fröhlich etc. gucken), das Zeigen auf eine Stelle des Bildes, Äusserungen, z. B. Ausrufe («Oh nein!», «Guckt mal!») oder Lücken («Der Affe frisst gerne …»).

 

Fachkraft: «Wart ihr auch schon mal im Zoo?»
E. und M. gleichzeitig: «Ja!»
Fachkraft: «Welche Tiere hast du da gesehen, E.?»
E.: «Affe, Löwe, Elefant...»
Fachkraft: «Welche Tiere haben dir am besten gefallen?»
E.: «Löwen, sind stark.»
Fachkraft: «Ja, die Löwen sind sehr stark. Deshalb nennt man sie die Könige der Tiere. Und welche Tiere haben dir am besten gefallen, M.?»
M.: «Die Affen.»


Distanzierende Fragen oder Abstandsfragen führen die Kinder aus der Geschichte/dem Buch heraus und beziehen sich auf eigene Erlebnisse, persönliche Gedankengänge, Gefühle etc., die nicht sicht- oder greifbar sind. Wenn die Kinder Ereignisse oder Eindrücke schildern, verwenden sie Sprache losgelöst von der momentanen Situation. Das fördert die sprachliche und kognitive Entwicklung der Kinder, da die Kinder Erlebnisse aus dem Gedächtnis aufrufen, ordnen und sprachlich verfügbar machen müssen.

 

Fachkraft: «Ja, Affen können gut klettern und sind sehr schlau. Hier in der Geschichte, da macht der Gorilla etwas... M. weisst du noch, was der Gorilla mit den Schlüsseln macht?»
M.: «Ja! Der schliesst alle Käfige auf!»

 

Bei älteren Kindern (ab ca. 4 Jahren) und wenn die Kinder die Geschichte bereits kennen, kann die Fachkraft Erinnerungsfragen stellen, die sich auf bestimmte Details der Geschichte beziehen. Erinnerungsfragen fordern die Kinder auf, Details der Geschichte in eigenen Worten wiederzugeben. Das freie Erzählen wird gefördert, aber auch kognitive Leistungen wie das Gedächtnis.

 

Fachkraft: «Ja genau, er lässt alle Tiere frei.»
E.: «Banane!»
Fachkraft: (lacht) «Das hast du gut gesehen, E.. Das Mäuschen trägt eine Banane. Hast du auch gerne Bananen, M.?»
M. nickt.

 

M. ist ein eher zurückhaltendes Kind und braucht die direkte Ansprache. Das Dialogische Lesen in kleinen Gruppen ermöglicht es, sich intensiv auf die einzelnen Kinder einzulassen und ihre  unterschiedlichen sprachlichen Vorausetzungen sowie persönlichen Eigenschaften zu berücksichtigen.Dies ist besonders bei mehrsprachigen Kindern und/oder schüchternen Kindern wichtig.

 

Fachkraft: «E., magst du Bananen auch?»
E. (schüttelt den Kopf): «Schokolade.»
Fachkraft: «Du magst lieber Schokolade? Ich esse auch sehr gerne Schokolade (lacht). Gibt es auch Früchte, die du gern isst?»
E.: «Ja. Diese, diese...»
Fachkraft: «Weisst du nicht, wie sie auf deutsch heissen? Wie sehen sie denn aus?»
E.: «So (malt mit den Fingern einen Kreis in die Luft).»
Fachkraft: «Äpfel können es nicht sein, die kennst du... »
E.: «Nectarina.»
Fachkraft: «Ah, du magst Nektarinen. Nektarinen sind schön süss, nicht wahr?»

 

Mehrsprachige Kinder am Anfang des Deutscherwerbs teilen sich auch mit nonverbalen Mitteln  (nicken, zeigen etc.) mit. Die Fachkraft greift auch nonverbale Äusserungen auf und versprachlicht sie stellvertretend für das Kind. Einwortäusserungen und Satzfragmente der Kinder werden ebenfalls aufgenommen und in ganze Sätze eingebunden. Dadurch werden der Wortschatz gefestigt und erweitert sowie grammatische Strukturen verdeutlicht. Da die Fachkraft für die Kinder ein sprachliches Vorbild ist, ist darauf zu achten, den Kindern ein korrektes, differenziertes und vielfältiges sprachliches Angebot zur Verfügung zu stellen.

Fachkraft: «Im Zoo gibt es auch verschiedene Tiere, die gerne Früchte essen. Zum Beispiel Affen oder auch Elefanten.»

E.: «Ja.»
Die Fachperson schlägt die nächste Seite des Buches auf und lässt die Kinder die Bilder betrachten.

 

Die Fachperson passt ihr Lese- und Sprachtempo den Kindern an - Zuhören, Verstehen, das Ordnen von Gedanken und das Formulieren braucht Zeit - gerade bei mehrsprachigen Kindern.

M.: «Da ist es dunkel.»
Fachkraft: «Ja, E., der Zoowärter hat das Licht gelöscht und jetzt ist es stockfinster im Zimmer.  Der Zoowärter sagt "Gute Nacht".»
M.: «Haben sie schon geesst?»
Fachkraft: «Ich weiss nicht, ob sie schon gegessen haben. Das sieht man hier auf den Bildern nicht, aber ich nehme es an.»


Beim korrektiven Feedback wird die fehlerhafte Äusserung des Kindes von der Fachkraft korrekt wiedergegeben, ohne dass sie das Kind direkt auf seinen Fehler hinweist. Direkte Verbesserungen sind den Kindern unangenehm und hemmen die Sprechfreude. Beim korrektiven Feedback hört das Kind die korrekte Form und fühlt sich verstanden.